Führung durch das Gitarrenparadies

Die Gitarrensammlung GUITARS PARADISE zeigt über 200 Jahre Geschichte der akustischen Gitarre, beginnend im späten 18. Jahrhundert. Der Schwerpunkt liegt bei der Entwicklung der Gitarre in Nordamerika von ca. 1850 -1950.

1. Historische Gitarren bis 1850

2. Die amerikanische Gitarre von C.F.MARTIN bis 1930

3. Die Konkurrenz: WASHBURN, LARSON und GIBSON

4. Die ´Goldene Ära` bis 1945

5. Weiterentwicklung nach dem Weltkrieg

6. Zurück nach Europa

7. Ergänzungen

8. Literaturangaben

 

1. Historische Gitarren bis 1850

Wir beginnen mit dem ältesten Stück der Sammlung, einer Gitarre von AUBERT à TROYES, gebaut ca. 1785. Die Vorgänger der Gitarren (Qitara, Chitarra, Guigerne, Quinterne u.a.) in Spanien, Portugal, Frankreich und Italien ließen zwar schon den 8-förmigen Korpus erkennen, doch waren sie meist 4- oder 5-fach doppel-chörig besaitet, hatten sehr unterschiedliche Stimmungen und wesentlich kürzere Hälse. Die einfache Besaitung mit sechs Saiten in der heute noch gültigen Stimmung E-A-D-g-h-e kam erst Ende des 18. Jahrhunderts in England und Frankreich auf. Die französische Gitarre von AUBERT steht also ganz am Anfang der modernen Gitarren. Das zeigt auch ihre Bauweise: Boden und Zargen sind aus einzelnen Spänen und Zierstreifen zusammengesetzt, wie es im Lautenbau üblich war und ist. Der Korpus ist wenig tailliert, Unter- und Oberweite sind fast identisch, die mehrteiligen Zargen relativ hoch. Die Saiten sind an den Steg geknüpft und laufen noch nicht über eine Steg-Einlage. Der Hals endet immerhin (fast) beim 12. Bund am Korpus, was sie eindeutig als "richtige" Gitarre ausweist. Allerdings gibt es noch kein aufgeleimtes Griffbrett. Die Bünde sind als Elfenbeinstäbchen eingelegt, bzw. aus Ebenholz für die oberen Lagen direkt im Deckenholz. – Ein faszinierendes, uraltes Stück Gitarrengeschichte!

Die Gitarre von HENRI le JEUNE, Paris 1812, zeigt bereits eine deutliche Taillierung und geringere Zargentiefe, außerdem sind die Saiten am Steg mit Stöckchen befestigt, wie es heute zumindest bei Stahlsaiten-Gitarren üblich ist. Die Kopfplatte wiederholt die 8-Form des Korpus und blieb lange typisch für diese Gitarren. Der Hals weist bereits ein dünnes Griffbrett auf, das bis zum Schallloch in die Decke hineinreicht. Korpusrand und Schallloch sind mit reichlich Perlmutt verziert, doch sind diese Intarsien nicht ganz so kunstvoll ausgeführt wie bei den großen Meistern. Immerhin findet LeJEUNE sogar in dem Buch MARTIN GUITARS von Washburn & Johnston indirekt Erwähnung: Dort ist eine Gitarre von CHARLES MARTIN (nicht mit C.F.MARTIN verwandt) abgebildet, gebaut 1829. Auf deren Label rühmt sich der Lautenbauer/Luthier als Nachfolger von LeJEUNE. Das stellt einen unerwarteten Bezug zu einem der Schwerpunkte meiner Sammlung guitars paradise dar: den alten Gitarren von C.F.MARTIN!

JOHANN GEORG STAUFER entwickelte in Wien anfangs des 19. Jahrhunderts die Gitarre in wesentlichen Teilen weiter und gilt als einer der bedeutendsten Gitarrenbaumeister der Wiener Schule. Das hier gezeigte Modell von ca. 1820 ist allerdings noch in traditioneller Weise gebaut; 1822 wurde J.G.Staufer das Privileg (ein Vorläufer des Patents) zuerkannt, seine Neuerungen (speziell die Halskonstruktion) fünf Jahre lang exklusiv zu verwenden. Meine frühe Staufer-Gitarre trägt noch den traditionellen Kopf in 8-Form, die Saitenstimmung erfolgt mittels Friktions-Wirbeln, und der Boden aus Fichtenholz ist mit Hartholz furniert. Fortschrittlich dagegen ist die separate Einlage im Steg, wodurch die Intonation verbessert wird. Diese Gitarre ist im Vergleich mit der von LeJEUNE wesentlich feiner und sehr dezent gearbeitet, ähnlich denen von C.F.MARTIN ab 1833 in New York. Vielleicht ist sie sogar durch die Hände von C.F.MARTIN gegangen? Der arbeitete damals noch bei J.G.STAUFER in Wien!

Typische Merkmale von STAUFERs Erfindungen zeigt die Gitarre von JACOB VOLL, Mainz 1840 (damals war Staufers Privileg bereits abgelaufen): Den angeschraubten und verstellbaren Hals mit dem über der Decke frei stehenden Griffbrett, sowie die asymmetrische Kopfplatte (die später wieder von Leo Fender für seine E-Gitarren aufgegriffen worden ist) mit eingepasster Stimm-Mechanik. Damit lässt sie sich bis heute noch gut stimmen und spielen! – Die Form des Korpus ist hier eher ungewöhnlich und verspielt. Zu dieser Zeit wurden sehr unterschiedliche Gitarren-Formen entwickelt, z.B. Lyra- oder Wappen-Gitarren, von denen sich aber keine langfristig durchsetzen konnte. Die Deckenverbalkung der VOLL-Gitarre ist nicht mehr einfach parallel in Leiterform ausgeführt, sondern weist unterhalb des Stegs zum Endblock hin einen diagonal aufgeleimten Tonbalken auf. – Ich habe diese Gitarre in mehr oder weniger schrottreifen Einzelteilen geschenkt bekommen, und konnte sie mit viel Geduld restaurieren; sie ist wieder gut spielbar und mag als Beispiel dienen, wie sich die fortschrittlichen Entwicklungen der Wiener Schule um J.G.STAUFER im deutschsprachigen Raum und in ganz Europa ausbreiteten. - Ein weiteres attraktives Beispiel deutscher Gitarren-Baukunst stellt das unsignierte Modell n.n., Bj. 1845 dar, das vermutlich aus Markneukirchen stammt, einem damaligen Zentrum für Musikinstrumentenbau. Die wunderschöne Abalone-Rosette um das Schallloch dient noch heute als Vorlage für exclusive Gitarren, z.B. bei BLAZER & HENKES. Dieses Instrument ist, wie viele andere, damals in die USA exportiert worden und befand sich dort bis 2006 in Familienbesitz. Parallelen zu zeitgenössischen Gitarren von C.F.MARTIN sind offensichtlich.

Zur Mitte des 19. Jahrhunderts entstanden parallel und unabhängig voneinander sehr grundlegende Weiterentwicklungen der Gitarre: Zum einen baute in Sevilla/Spanien Antonio de TORRES Instrumente, welche die neue spanische Gitarrenbauweise begründeten und bis heute weitgehend den Bau der klassischen (oder: Konzert-) Gitarre definieren: die Größe und Proportionen des Korpus, die Fächerverbalkung der Tondecke, und die Korpus-Halsverbindung mit dem spanischen Halsfuß. Als Beispiel dafür mag die (noch relativ junge) Gitarre von A. SOLAR GONZALES, Madrid 1970, dienen. Als ich die vor Ort 1970 kaufte, hatte mich zum ersten Mal richtig das Gitarren-Bazillus erfasst. - Als Zeitgenosse von TORRES entwickelte C.F.MARTIN in New York/USA seine neuartige und wegweisende X-Verbalkung der Tondecke, die bis heute die Bauweise von Stahlsaiten-Gitarren bestimmt, auch wenn damals noch niemand an Stahlsaiten dachte (und später MARTIN`s Söhne diesbezüglich nicht die Pioniere waren). Die C.F.MARTIN 0-26 gibt ein frühes Beispiel (ca. 1855) für diese Bauweise, und sie ist für die damalige Zeit auch eine sehr große Gitarre (ähnlich der von TORRES). Bis heute gefällt sie dank weitgehenden Originalzustands mit ihrem ausgezeichneten Klang. Sie wird noch mit Friktionswirbeln aus Elfenbein gestimmt.

Die Sammlung GUITARS PARADISE präsentiert im Folgenden schwerpunktmäßig die weitere Entwicklung der amerikanischen Gitarre, genauer: der Steelstring Flattop, landläufig bei uns Western-Gitarren genannt. Breiten Raum nehmen dabei die wichtigsten Hersteller dieser Spezies, MARTIN und GIBSON ein, von denen ich die wesentlichen Modelle und Baureihen vorstellen möchte. Doch auch weniger bekannte Namen und Gitarren finden Platz und Würdigung. – Im Anschluss möchte ich dann noch einige Instrumente deutscher Hersteller, sowie Sonderkonstruktionen vom Anfang des 20. Jahrhunderts vorstellen, und schließlich ein paar selbst gebaute Gitarren, und Ergänzungen.

 

2. Die amerikanische Gitarre von C.F.MARTIN bis 1930

Christian Friedrich (amerikanisiert Frederick) MARTIN hatte von seinem Vater in Markneukirchen das Schreiner-Handwerk erlernt und interessierte sich bald für den zu dieser Zeit aufkommenden Gitarrenbau; von den einheimischen Geigenbauern wurde er jedoch abgewiesen. Schließlich fand er in Wien bei dem damals schon berühmten Johann Georg STAUFER eine Anstellung und brachte es dort bis zum Vorarbeiter. So lernte er gründlich das Handwerk wie auch die kaufmännische Seite des Gitarrenbaus. 1925 machte sich C.F.MARTIN in seinem Heimatort selbständig; doch es gab immer wieder Konflikte bis hin zu gerichtlichen Auseinandersetzungen mit der Geigenbauerzunft, die ihr Monopol für Musikinstrumentenbau verteidigte. Schließlich wanderte C.F.MARTIN 1833 nach Amerika aus (er war nicht der Einzige!) und eröffnete ein Geschäft in New York, wo er mit importierten Musikinstrumenten handelte und selbst Gitarren baute, zunächst noch ganz in der Tradition seines Lehrmeisters J.G. STAUFER. Mit den Jahren entwickelte er seinen eigenen, schlichten und trotzdem ästhetischen Stil mit hochwertiger Verarbeitung, dem sich seine Nachkommen bis heute verpflichtet sehen. Und er entwickelte ab ca. 1850 die oben genannte X-Verbalkung der Gitarren-Decke; diese Innovation läßt sich allerdings nicht eindeutig ihm zuordnen. Zu dieser Zeit vergrößerte C.F. MARTIN seine Fabrikation in Nazareth, wo er bereits 1839 hingezogen war. Er begann auch damit, die Korpusgrößen seiner Gitarren zu standardisieren: als größte Size 1, abwärts bis zur kleinsten Size 3, ab 1854 erweitert um Size 0 und 5. Ob er sich ursprünglich nicht vorstellen konnte, dass es bald noch größere Modelle geben sollte? - Etwas später folgte die Standardisierung der serienmäßigen Ausstattungen: vom einfachen Style 17 aufwärts bis zur Top-Ausführung 40, ab 1870 Style 42. Die oben vorgestellte 0-26 von 1855 war zu ihrer Zeit also das größte Modell, Style 26 ein Vorläufer von 28 (entspricht gehobener Mittelklasse), der ab ca. 1860 dokumentiert ist (C.F.MARTIN führte mit deutscher Gründlichkeit höchst penibel seine Geschäftsbücher!). Diese Nomenklatur ist in weiten Teilen (und mannigfaltig ergänzt) bis heute gültig. Die Größen wuchsen weiter nach "unten" (eine Ziffer unter 0 gibt es ja nicht): ab 1877 kam die 00, ab 1904 die 000, und ab den 30-er Jahren begann ein neues Zeitalter, die so genannte goldene Ära; doch davon später. - Ab 1904 kam auch noch Style -45 dazu, und ab 1940 kam als einfachste Ausführung Style -15.

Die MARTIN 2-21 ist zwei Nummern kleiner als die 0-26 und mutet heute sehr zierlich an; damals war diese Größe eher normal. Im Katalog von 1898 heißt es dazu: "No. 2 for ladies or wherever a clear, even tone of moderate loudness is wanted." Die Ausführung Style-21 ist im Detail etwas schlichter als -26. Gebaut wurde diese Gitarre im Jahr 1889 und ist damit für Darm- bzw. Nylonsaiten ausgelegt. Bis 1898 gab es bei MARTIN noch keine Serien-Nummern, weshalb sich das Produktionsjahr (wenn überhaupt) nur mit Insiderkenntnissen ermitteln lässt. Doch mit extra-leichten Stahlsaiten (man verzeihe den Stilbruch!) klingt sie erstaunlich voll und brillant, und sie entwickelt schon die faszinierenden Klang-Eigenschaften der viel gerühmten späteren MARTIN-Gitarren. Ich habe die 2-21 einem lustigen Händler in San Francisco zu verdanken, der mich auf sie aufmerksam machte: Ich hatte die Kleine zwischen den vielen großen und jüngeren Instrumenten glatt übersehen! - Die nächste Größe wird hier durch die MARTIN 1-17 P repräsentiert; sie ist eine Nummer größer als die 2-21, und in Style 17, der einfachsten Ausführung gebaut: Komplett aus Mahagoni und ohne jegliche Randeinlagen und Zierrat. Diese 1-17 P von 1930 ist ein merkwürdiges Spezial-Modell mit einem Banjo-Hals; damit sollten Banjo-Spieler für die Gitarre gewonnen werden. – Die MARTIN 0-45 schließlich ist wie die bereits oben vorgestellte 0-26 nochmals eine Nummer größer, und die Ausführung Style 45 war ab 1904 "Top of the Line". Das Beste also, und diese Gitarre ist eines der Highlights der Sammlung. Trotz sehr aufwendiger Abalone-Einlegearbeiten wirkt die 0-45 sehr geschmackvoll und dezent, und sie klingt fantastisch; ein wahrer Schatz! Solche seltenen Spitzenmodelle sind unter Liebhabern natürlich besonders gefragt. Es soll Sammler geben, die ausschließlich MARTIN -45 Modelle sammeln! - Die nächste Größe der MARTIN-Palette stellt die MARTIN 00-28 vor. Sie klingt dementsprechend noch etwas voluminöser und wurde wegen ihrer Ausgewogenheit zum Vorbild vieler Kopien (z.B. 00-28 Kopie/Japan). Die Ausführung Style 28, u.a. mit Heringbone-Randeinlagen, entwickelte sich über die Jahrzehnte (ab 1945 in vereinfachter Form) zum zeitlosen Klassiker.

Im Bestreben nach noch mehr Tonvolumen setzte MARTIN ab 1904 mit Size 000 noch eins drauf, dafür steht die MARTIN 000-18von 1931. Trotz ihrer beachtlichen Größe ist sie federleicht und dementsprechend resonanzfreudig. Style 18 im MARTIN-Programm ist schlicht in der Erscheinung: Fichte für die Decke, Mahagoni für Zargen und Boden (bis 1917 hatte MARTIN dafür ausschließlich Palisander verwendet), einfache Randeinlagen. Die Konstruktion und hochwertige handwerkliche Ausführung (d.h.: die inneren Werte) ist durchgehend bei allen (alten) MARTIN-Gitarren von klein bis groß, von Style 17 bis 45 gleich gut; das macht ihre Qualität aus! – Die drei zuletzt aufgeführten Gitarren in aufsteigender Größe wurden zwischen 1926 und 1931 hergestellt. Dies stellt eine Periode des Übergangs dar: von den traditionell gebauten Gitarren, die für Darm- bzw. Nylonsaiten ausgelegt waren, und den zukünftigen, modernen Stahlsaiten-Gitarren. Die vorgestellten traditionellen MARTIN-Modelle weisen trotz unterschiedlicher Maße (Size 2, 1, 0, 00, 000) dieselben Proportionen auf, haben den Halsansatz am 12. Bund (mit Ausnahme der "Banjo-Gitarre"), und als Standard den durchbrochenen Kopf (Slotted Peghead) mit Band-Mechaniken. Damit sehen sie der oben vorgestellten klassischen bzw. spanischen Gitarre relativ ähnlich (auf die unterschiedlichen Bauprinzipien wurde schon hingewiesen). Während der Übergangszeit ging MARTIN zunächst optional, dann serienmäßig dazu über, die Gitarren für Stahlsaiten auszulegen. Wegen des stärkeren Saitenzugs wurde der Hals, die Tondecke und deren Verbalkung stabiler ausgelegt. Erst in Kombination mit den Stahlsaiten zeigte in der Folge die X-Verbalkung in punkto Statik und Tonqualität ihre überragenden Eigenschaften. Die Instrumente dieser Übergangs-Jahre haben ihren ganz eigenen Reiz, klingen außerordentlich warm und schön, und sind deshalb unter Sammlern sehr begehrt. Sie bilden den Auftakt zur "goldenen Ära" des amerikanischen Gitarrenbaus!

Doch machen wir zunächst einen Schnitt in der MARTIN-Historie und schauen uns an, was es außerdem so gab, denn: Schon damals schlief die Konkurrenz nicht! Und das Gitarrengeschäft lief durchaus nicht immer gut, zumal während der großen Depression. Zeitweise hielt sich die Firma MARTIN & CO mit dem Bau von Mandolinen, später auch Ukulelen über Wasser, und manche Entwicklung ist auch etwas verschlafen worden, z.B. die Einführung von Gitarren mit Stahlsaiten.

 

3. Die Konkurrenz: WASHBURN, LARSON und GIBSON

Schon Mitte des 19. Jahrhunderts gab es an der Ostküste der USA einen scharfen Wettbewerb, wer wohl die besten Gitarren baute. William B. TILTON mischte mit seinen Patenten und offensiven Verkaufsstrategien dabei vorne mit; diese Gitarre wurde von ZOGBAUM & FAIRCHILD, New York, entsprechend den Patenten von TILTON gebaut. - Im großen Stil machten dann der bereits alteingesessenen Firma C.F.MARTIN z.B. die Firmen von Lyon & HEALY in Chicago mit dem Label WASHBURN Konkurrenz: Die WASHBURN New Model mag ein Beispiel dafür geben. Dies ist ein sehr schön gebautes Instrument des ausgehenden 19. Jahrhunderts, im vorliegenden Style 305 wesentlich reicher verziert als die vergleichbare MARTIN 00-28. Merkwürdigerweise sind solche alten WASHBURNs heute seltener auf dem Markt zu finden als MARTINs, obwohl sie in höheren Stückzahlen gebaut worden sein sollen, sofern man der damaligen Werbung glauben darf (In dem Buch über die Geschichte von WASHBURN sind keine Produktionszahlen zu finden). Dazu muss man sich allerdings auch klar machen, dass MARTIN zu dieser Zeit nicht mehr als ein Instrument pro Tag fertigstellte, etwa 300 im Jahr. – Mangels Label nicht sicher zuzuordnen, vermutlich aber aus demselben Hause LYON & HEALY kommt die WASHBURN Hawaii-Gitarre von ca. 1930, als die Hawaii-Musik in Mode kam. Dieses Stück mutet schon ziemlich exaltiert an mit seinen sehr auffälligen Perlmutt-Verzierungen und der Kopfplatte im Stil von J.G.STAUFER. Bei diesem Instrument bleiben viele Fragen offen; es ist merkwürdigerweise weniger sorgfältig verarbeitet als das NEW MODEL.

Ein weiterer Mitbewerber waren die LARSON-Brothers, ebenfalls in Chicago. Sie produzierten unter verschiedenen Labels (Stetson, Maurer, Stahl, Prairie State, Euphonum) Gitarren in allen Preisklassen, und sie brachten (viel mehr als WASHBURN) auch nachhaltige Innovationen ein: Schon Anfang des 20. Jahrhunderts bauten sie Gitarren mit Stahlsaiten und erwarben dafür auch Patente, wie z.B. die verstellbare Hals-Konstruktion mittels zweier Stahlstäbe, die längs durch den Korpus führten und damit diesen auch statisch entlasteten. Außerdem verstärkten sie bei den Top-Modellen die Tondecke mit laminierten Tonbalken aus Fichte und Ebenholz, und sie verbauten diese unter Spannung, so dass die Decke eine deutliche Wölbung bekam; ähnlich beim Boden. Dadurch verbessert sich die Statik wie auch der Klang. Diese Konstruktionsmerkmale weist die PRAIRIE-STATE Style 405 von 1933 auf; sie war damals das Spitzenmodell des Spitzenlabels der LARSONS, und sie ist bis heute… Spitze! Von der Decke über den Hals bis zum Kopf ist sie außerordentlich reich und kunstvoll mit Perlmutt- bzw. Abalone-Intarsien verziert. Die zweite PRAIRIE STATE 15" in choco-finish von 1935 zeigt dann - ein paar Jahre später als bei C.F.Martin - den Übergang zur modernen Gitarre mit Halsübergang am 14. Bund. Wie bei MARTIN die Entwicklung von der 000 zur OM, ähneln Maße und Proportionen dieser beiden PRAIRIE-STATE denen von MARTIN. Diese außergewöhnliche LARSON-Gitarre in schokolade-braunem Finish vermag klanglich mit den vergleichbaren MARTIN-Modellen locker mithalten, und sie ist wie die andere PRAIRIE-STATE in wirklich exzellentem Zustand. - Auch die LARSO-Brothers konnten sich nicht dem Trend entziehen, immer größere, voluminösere und damit lautere Gitarren zu bauen, wie die 16" MAURER von 1935 zeigt. Das MAURER-Label steht für eine etwas einfachere Bauweise (kein verstellbarer Hals), wobei die Larsons es nicht genau nahmen mit der Spezifikation (die Heringbone-Randeinlagen der MAURER sind aufwendiger als bei der PRAIRIE-STATE 15"). Die sonstige Ausführung der beiden fast gleich datierten (6/1935) Gitarren ist recht ähnlich, z.B. Boden und Zargen aus Rio-Palisander, aufgeschraubtes Schlagbrett, laminierter Hals, dreischichtige Tonbalken, etc.. Den Trend zu immer voluminöseren Gitarren führten die LARSON-Brothers bis zum Exzess mit den "Monster-Gitarren", unförmige 22" breit! Berühmt sind auch die sog. Harp-Guitars der LARSON-Brothers, wunderschöne Exemplare von Bass- oder Kontra-Gitarren. Insgesamt stellten die Brüder während ihrer Schaffenszeit von ca. 60 Jahren etwa 2500 Instrumente her; lange blieben sie in der Vintage-Szene unbeachtet. Mittlerweile haben sich ihre hervorragenden Qualitäten herumgesprochen.

Ende des 19. Jahrhunderts hatte nicht zuletzt auch Orville GIBSON mit dem Instrumentenbau angefangen, und zwar mit Mandolinen. Er war getragen von der Idee, dass Zupfinstrumente von der Bauweise einer Geige, der Königen der Streichinstrumente, profitieren müssten: vor allem durch die ausgearbeitete Wölbung von Decke und Boden, die aus dem vollen Holz heraus geschnitzt werden. Dadurch werden sie stabiler und brauchen weniger Balken zur statischen Verstärkung . Mit dieser Bauweise hat O.GIBSON bekanntlich Geschichte geschrieben. Anfang des 20. Jahrhunderts übertrug er dieses Bauprinzip auch auf Gitarren, und zwar auf solche mit Stahlsaiten (also viele früher als C.F.MARTIN). Merkwürdigerweise tat GIBSON dies aber nicht konsequent, denn er beließ es beim runden, mittigen Schallloch, wie die Konkurrenz. Erst der Mandolinenspieler und Konstrukteur Lloyd LOAR vollendete dieses Bauprinzip durch die Einführung beidseitiger F-Löcher wie Streichinstrumenten, und so entstand 1924 die legendäre GIBSON L- 5, bis heute der Inbegriff der Jazz-Gitarre und Vorbild für zahllose Nachbauten (vgl. z.B. SCHMIDT, Arthur P. aus Boston 1937, oder Schlaggitarren aus den 50-ger Jahren wie die ISANA Archtop, oder HÖFNER Cutaway). Das hier gezeigte Exemplar GIBSON L-5 stammt von 1936 und weist bereits einige Weiterentwicklungen auf. Sie ist ein außerordentlich schönes Exemplar in bestem Originalzustand, und sie demonstriert eindrücklich, welchen Einfluß unterschiedliche Konstruktions- und Bauweisen auf den Klang einer Gitarre haben können. Archtops haben einen ganz anderen Klangcharakter als Flattops. – Die L-5 stellt im GUITARS PARADISE eine (bedeutsame!) Ausnahme dar; der Schwerpunkt der Sammlung liegt, wie beschrieben, bei den Flattops (Gitarren mit flacher Decke und Boden).

Mit dem Bau von Flattops, also den traditionellen und von C.F.MARTIN präsentierten Gitarren, begann GIBSON erst 1926 und experimentierte viel mit dieser noch ungewohnten Bauweise herum. Auf der anderen Seite begann MARTIN erst Anfang der 30-ger Jahre mit dem Bau von Archtops; mangels Erfolg wurde das allerdings bald eingestellt. -- GIBSON reüsierte dagegen zunehmend auch mit Flattops. Das erste Spitzenmodell stellte die GIBSON NICK-LUCAS-SPEZIAL von 1926 dar, dem ersten Baujahr von Flattops überhaupt. Sie fällt durch im Verhältnis zur zierlichen Korpusform ungewöhnlich tiefe Zargen auf, eine Besonderheit der Nick-Lucas-Modelle. Ansonsten blieb bei dieser Serie über die Jahre fast nichts konstant. - Ich bin stolz darauf, auch von den folgenden Baureihen jeweils die Top-Modelle präsentieren zu können. Allerdings sind Typen, Baureihen und Baujahre bei GIBSON nicht annähernd so gut dokumentiert wie bei MARTIN. Überhaupt unterscheiden sich die Produkte und Firmen-Philosophien dieser beiden Gitarren-Protagonisten stark: C.F. MARTINs Gründlichkeit und Genauigkeit, von der Buchführung über die Modellpalette bis zu den einzelnen Instrumenten, wurde schon beschrieben (typisch deutsch!?). Von GIBSON gibt es über viele Jahre keine systematische Dokumentation, die Typenbezeichnungen erscheinen eher willkürlich (dafür oft fantasievoller), und die Verarbeitung der Instrumente ist eher nonchalant (typisch amerikanisch?!): Die Randeinlagen zum Beispiel sind häufig nicht mittig angesetzt die Decken-Hälften oft nicht spiegelbildlich verleimt, oder die Leim-Naht nicht mittig. Da bleibt schon Mal die Kante eines Stegs ungeschliffen, da wird aus Materialmangel während des Kriegs statt Mahagoni auch mal Ahorn verwendet, oder Palisanderzargen mit Mahagoniböden kombiniert, usw.. Dadurch steigt natürlich die Varianz der Instrumente, es gibt größere Qualitätsunterschiede, doch es sind so ohne Zweifel auch viele geniale Gitarren entstanden! – Eine solche ist die GIBSON L-2 von 1931. Sie weist im Vergleich zur ersten L-Serie, für welche die Korpusform der ganz frühen, kleinen Archtops übernommen worden war (wie bei der NICK-LUCAS-SPEZIAL), ein Korpus-Design mit anderen Proportionen und mehr Volumen auf, allerdings noch mit dem Halsansatz am 12. Bund (obwohl bei manchen Archtops schon länger der Halsansatz beim 14. Bund war). – Die nächste Entwicklungsstufe zeigt die GIBSON L-2 von 1932, die trotz identischer Typen-Bezeichnung eine ziemlich andere Gitarre ist mit Halsansatz am 13. Bund, Rio-Palisander statt Mahagoni, einfacheren Randeinlagen, und unterständiger Saiten-Befestigung. Die GIBSON L-Century (L-C) von 1934 zeigt dann die bis 1942 gültige Bauform der L-Serie: Hier ist der Halsansatz am 14. Bund, wie es C.F.MARTIN ab 1929 mit der OM vorgemacht hatte. Diese L-Century (sie war ein Sondermodell anlässlich des 100-jährigen Jubiläums von Chicago) zeigt eine sehr auffällige Ausstattung mit viel Pearlloid, die Käufer locken sollte; aus europäischer Sicht nicht jedermanns Geschmack! Oder die L-2 von 1931 mit goldschimmernden Randeinlagen… das mutet uns schon sehr amerikanisch an! Doch es hat auch seine Reize, genauso wie die alten chrombeladenen Straßenkreuzer. - Die L-Serie wurde bis in den Weltkrieg gebaut; ein ganz spätes Exemplar davon ist die GIBSON L-0 black von 1942. Sie trägt bereits das Banner-Logo "Only a Gibson is good enough", das alle GIBSON-Modelle während des zweiten Weltkriegs zierte. Außerdem zeigt sie ein geradezu feurig leuchtendes "firestripe" Schlagbrett; dieser Effekt entsteht dadurch, dass das Schlagbrett vor der schwarzen Lackierung (ebony) aufgebracht wurde und so das helle Fichtenholz der Decke durchscheint (bei den GIBSONs mit der üblichen sunburst-Lackierung wurde das Schlagbrett erst nach der Lackierung aufgebracht). Außerdem zeigt diese L-0 völlig unübliche Details, die eigentlich GIBSONS low-budget-label KALAMAZOO zugeschrieben werden, z.B. die Form des Schlagbretts. Dafür weist das Stief-Schwester-Modell der L-0, die KALAMAZOO KGN-12 von 1941 wiederum ein Schlagbrett in Form der GIBSONS auf... Man verwendete bei der Produktion wohl das, was gerade am nächsten lag. Ein ganz besonderes Detail ist hier allerdings die Lackierung der Decke in opaque, d.h. mit elfenbein-farbigem Decklack, wie es nur ganz wenige GIBSONS aufweisen. Ob so mangelnde optische Qualität des Holzes kaschiert werden sollte? Ähnlich war es auch schon in Europa praktiziert worden. In der Auto-Industrie gab es sogar das Kunst-Handwerk, die Struktur von Edel-Wurzelhölzern auf blecherne Armaturenbretter zu malen. Heute macht man das mit Kunst-Folien-Beschichtung.

Genau wie bei den Autos war es auch bei Gitarren: die Leute wollten immer größere, stärkere, und schönere… MARTIN hatte nach langem Zögern die Dreadnought auf den Markt gebracht, und GIBSON ließ sich nicht lumpen und zog 1934 mit der JUMBO nach, die über mehrere Evolutionsstufen (die ich leider nicht vorführen kann) ab 1942 zum Standard-Modell GIBSON J-45 führten, das sich als Dauerbrenner erweisen sollte: das hier gezeigte Exemplar ist ein ganz frühes und weist eine höherwertige Ausführung als die folgenden Serien-Exemplare auf. Das ist eine ganz außerordentlich gut erhaltene und klingende Gitarre; der Vergleich mit dem letzten Baujahr 1969 zeigt den damaligen Niedergang der GIBSONs eindrucksvoll auf. Zur J-45 kam als Top-Modell während der Kriegsjahre die GIBSON Southern JUMBO (die hier stammt von 1943). Beide tragen den Zusatz unterm GIBSON-Logo "Only a Gibson is good enough" in Form eines geschwungenen Banners, daher genannt "Bannerhead". Willi HENKES dokumentiert diese Ära in einem Buch (in Vorbereitung); Banner/Fahnen passten wohl in die Kriegs-Zeit. Vorher hatte GIBSON allerdings dem Dauerrivalen MARTIN noch eins vor den Bug gesetzt: Die Super-Jumbos SJ-200 und die GIBSON SJ-100 (1940) übertrafen die Dreadnought (d.h. Schlachtschiff) noch einmal und griff Maße und Form der Archtop L-5 auf. Auch auf dem Gitarrenmarkt gab es ein Wettrüsten! – Während des Krieges war die Produktion von Gitarren (und anderem natürlich…) stark zurückgegangen mangels Material, Fach-Personal und Nachfrage. Es musste viel improvisiert werden, und trotzdem entstanden auch in dieser Zeit fabelhafte Instrumente! An meiner Southern Jumbo merkt man den Mangel zum Beispiel an der Adirondack-Decke, die aus vier Teilen zusammengesetzt ist; offensichtlich waren ausreichend breite Holzstücke ausgegangen. - Die kleine GIBSON LG-2 wurde als Nachfolgerin der L-Serie gleich so konzipiert, dass schmale Holzstücke ausreichten. Außerdem ist der Korpus aus einheimischem Ahorn gebaut statt aus importiertem Mahagoni; einen Stahlstab zur Hals-Verstärkung hat sie allerdings trotz der kriegsbedingten Rationierung. – GIBSON hat auch nach dem Weltkrieg zunächst noch bemerkenswerte Weiterentwicklungen präsentiert (vgl. 5.); bei C.F.MARTIN war dagegen der Zenith überschritten: die "goldene Ära" der MARTINs endete für die heutigen Vintage-Freaks 1944. Wenden wir uns jetzt also diesem gepriesenen Zeitalter der MARTIN-Gitarren zu.

 

4. Die "goldene Ära" bis 1945

Wie schon beschrieben, forderten viele Musiker Ende der 20-er Jahre (des 20. Jh.), als die Gitarre Einzug in die Popular-Musik und in den Jazz fand und das Banjo aus der Mode kam, lautere und leichter spielbare Gitarren. Die Archtop-Jazzgitarren waren nicht Jedermanns Geschmack. Für mehr Klangvolumen waren immer voluminösere Modelle entwickelt worden (elektrische Verstärkung gab es noch nicht), dafür setzten sich immer mehr die Stahlsaiten durch, und dafür entwickelte C.F.MARTIN & CO das ´Orchestra Model` (OM). Dafür brach man dort sogar mit dem System der Modell-Bezeichnungen. Als erste Flattop-Gitarre wies sie den Halsansatz am 14. Bund auf, und sie zeigte – obwohl der Korpus aus dem des 000-Modells entwickelt worden war – ganz neue Proportionen im Vergleich zu den traditionellen Baureihen: Die erste moderne Flattop war geboren (und die erste MARTIN mit einem Schlagbrett)! Im ersten Produktionsjahr 1929 hatte die OM-28 noch den traditionellen Pyramiden-Steg, ein Jahr darauf kam die MARTIN OM -18 mit der bis heute üblichen sog. Belly-Bridge, die eine längenkompensierende Stegeinlage zur besseren Bundreinheit der Saiten erlaubte und gleichzeitig für alle anderen MARTIN-Modelle übernommen wurde. In der Kopfplatte (der ´klassische` durchbrochene Kopf blieb nur bei den 12-Bund-Modellen, z.B. der MARTIN 000-18 von 1931) wurden bis 1930 noch Banjo-Mechaniken montiert, um Banjo-Spielern das Umsteigen zu erleichtern. – Diese OM-18 ist ein sehr schönes Instrument, das sich ausgezeichnet spielt. Der Hals ist schlanker als bei den 12-Bund-Modellen, das Griffbrett trägt noch die bar-frets (Stäbchen-Bünde), die den Hals gegen den Saitenzug verstärken; einen Stahlstab zur Hals-Verstärkung führte MARTIN erst 1934 ein, viel später als GIBSON oder die LARSON-Brothers. Die Modernisierung ging – der Tradition des Hauses entsprechend – in kleinen Schritten voran. Doch die OM war und ist eine legendäre Gitarre! - Die MARTIN 1-17 P von 1931 dokumentiert, wie weit die Bemühungen gingen, Banjo-Spieler zur Gitarre hinzulocken: Hier wurde an den Gitarrenkorpus einer 12-Bund 1-17 ein viel längerer Banjo-Hals mit vier Saiten und Banjo-Tunern angebracht; der Halsübergang ist erst am 15. Bund! Dieses Instrument mutet heute recht skurril an und ist eine große Rarität.

Die nächsten Entwicklungsschritte: ab 1931 wurden bei der OM normale 90° Stimm-Mechaniken eingeführt, 1932 kam das goldene C.F.MARTIN & CO Logo auf die Kopfplatte und der Prägestempel auf deren Rückseite wurde weggelassen, 1934 wurde die OM-Baureihe eingestellt und in modifizierter Form als 000 weitergeführt. Dadurch ergab sich, dass 12- und 14-Bund-Modelle nicht mehr mit der Typenbezeichnung unterscheidbar waren. Die Mensur wurde verkürzt, und von den Stäbchen-Bünden (bar-frets) auf die längst üblichen T-Bünde umgestellt (die leichter zu verbauen, aber auch angenehmer zu spielen sind). Statt einer Ebenholzverstärkung wurde ein T-Stahlstab in den Hals eingebaut, der nicht verstellbar war (GIBSON hielt das Patent für den verstellbaren Stahlstab). Gleichzeitig wurden die anderen MARTIN-Baureihen 0 und 00 auf die moderne Form mit Halsansatz am 14. Bund umgestellt, 12-Bund-Modelle blieben nur in Style 21 im Programm. Die oben vorgestellte MARTIN 00-28 von 1930 weist schon als 12-Bund-Übergangsmodell ein Schlagbrett sowie die Belly-Bridge auf, bei sonst traditioneller Bauweise. Eine hervorragende Gitarre!

Die modernen 14-Bund MARTIN 00-18 und die MARTIN 000-28 sind zwei hervorragende und typische Beispiele für die Zeit bis 1939: Die Decken sind trotz Stahlsaiten-Bespannung sehr leicht verbalkt und dadurch resonanzfreudig, und die Hälse sind relativ kräftig ausgeführt; das gibt Masse und sorgt für statische wie auch tonale Stabilität, und besten Nachhall (sustain). Die 00-18 von 1937 hat offensichtlich lange Jahre in ihrem (Papp-) Koffer gelegen; sie sieht noch etwas blass aus, fast wie neu, und sie klingt außerordentlich brillant. Die 000-28 von 1938 ist dagegen in Würde gealtert und macht daraus kein Geheimnis, hat viel Patina, unendlich viele kleinste Risse im honiggelben Lack; sie bringt klanglich dazu noch fundiertere Bässe und die Strahlkraft, wie sie nur Rio-Palisander bietet! – Die kleine MARTIN 0-17 von 1939 kann da natürlich nicht ganz mithalten, doch auch sie hat ihre Reize: Das Modell des kleinen Mannes, ganz in dunklem Mahagoni, wie ein Aschenputtel ohne jeden Zierrat, klanglich zwar nicht mächtig, aber sehr schön und ausgewogen. Ebenso wie die größeren und "schöneren" Schwestern (mit denen sie dieselben Proportionen teilt) eine echte MARTIN, hervorragend verarbeitet und aus den besten Jahren, und im besten Originalzustand, ohne Reparaturen. Ab dem Baujahr 1939 gab es einen im Vergleich zu den Vorjahren schlankeren Hals, und eine modifizierte Decken-Verbalkung. Die MARTIN 000-21 von 1943 stammt aus der Kriegszeit, wo Material-Knappheit bestand, was sich hier augenscheinlich bei den Mechaniken bemerkbar macht: Die wirken schon ziemlich verhungert – doch sie funktionieren bis heute! Unsichtbar bleibt der Verzicht auf die Stahlverstärkung im Hals, die durch Ebenholz ersetzt wurde (wie ehemals bis 1934). Dieser Hals, obwohl schlanker als bei den früheren Modellen, steht bis heute einwandfrei! Diese Gitarre klingt einmal mehr wunderbar, im Vergleich zur 000-28 von 1937 vielleicht eine Spur leichter, doch da ist keinerlei Mangel zu hören, allenfalls etwas Unterschiedliches. - Die 12-Bund-Hals-Bauweise hatte MARTIN nur noch bei der 00-Baureihe alternativ im Programm, und zwar für "spanische" oder "hawaii"-Spieltechnik. Meine MARTIN 00-18 H von 1940 mit Sunburst-Finish wurde als Hawaii-Gitarre gebaut und später konvertiert für konventionelle Spielweise. Die Sunburst-Lackierung war bei MARTIN immer die Ausnahme, ganz im Gegensatz zu GIBSON, wo naturfarben die Ausnahme war. Diese 00-18 H hat sich als wahres Klangwunder erwiesen; man verzeihe mir die laufenden Superlative. Doch sogar im Vergleich mit den vorgestellten Rio-Super-Gitarren ist sie Spitze!

Dem Ruf nach noch mehr Klangvolumen hatte MARTIN überraschenderweise nicht mit einem 0000-Modell beantwortet, was die Systematik der Modellpalette nahe gelegt hätte. MARTIN präsentierte einem echten Kracher, ein wahrhaftiges Schlachtschiff, die Dreadnought (Kürzel: D). Die hatte nichts Zierliches und gänzlich andere Proportionen als alle bisherigen MARTIN-Gitarren! Allerdings hatte man die Produkteinführung hinausgezögert, weil dieses Modell nicht zur traditionellen Firmenphilosophie passen wollte, die eine ausgewogene Klang-Charakteristik bevorzugte; die D drohte zu bass-betont zu werden. Zunächst baute man deshalb ab 1917 nur für die DITSON Company einige wenige Exemplare (noch mit dem Halsansatz am 12. Bund), ab 1931 wurde sie als D-1 bzw. -2 bei MARTIN eingeführt. Bald wurden sie entsprechend der bestehenden Ausstattungs-Typologie in D-18 und D-28 umbenannt, und der Halsansatz wanderte zum 14. Bund, entsprechend der OM. Im Katalog wurden sie noch nicht aufgeführt. Erst ab 1934 kam die Produktion in Schwung, und bald wurde das "Schlachtschiff" ein Renner. Meine MARTIN D-18 wurde 1937 produziert, unter Kennern gerühmt als einem der besten Jahrgänge, mit wunderbar hölzernem, starken Klang. – Die MARTIN D-28 wurde 1944 gebaut, kurz vor dem Ende der ´goldenen` Ära, d.h. zeitnah mit dem Ende des zweiten Weltkriegs (der gewiss nicht als goldene Ära bezeichnet werden kann!). Sie weist noch die schönen und guten, tradierten Qualitäten der Vorkriegszeit auf: Split-Diamond-Inlays im Griffbrett, Fischgrät-(=Heringbone-)Randeinlagen, vor allem aber die Decke aus Adirondack-Fichte mit sorgfältig bearbeiteter (scalloped=geschnitzter) Verbalkung, wie MARTIN sie seit über 100 Jahren gepflegt und perfektioniert hatte. Lediglich die Mechaniken sind kriegsbedingt total abgemagert, noch mehr als die der 000-21 von 1943. Kaum vorstellbar, wenn man die dünnen Zahnrädchen sieht: sie funktionieren auch nach über 60 Jahren noch! - Diese D-28 vermittelt dem Spieler unmittelbar mit den ersten Tönen, warum diese Gitarre zum Mythos geworden ist: sie klingt einfach gigantisch gut! - Die MARTIN-Dreadnought machte Geschichte: Sie ist bis heute die am meisten gebaute Form bei den Western-Gitarren!

 

5. Wie es nach dem Krieg weiter ging

Ende 1944 wurden bei MARTIN mangels Nachschub von Material (Rand- Schallloch- und Griffbretteinlagen waren aus Deutschland importiert worden, wo nichts mehr produziert wurde, und die Bestände von Fichte aus den Adirondacks waren aufgebraucht) die Ausstattung wie auch die Bauweise (Verbalkung nicht mehr geschnitzt) sämtlicher Modelle vereinfacht. Dadurch veränderte sich ihr Charakter und eine neue Ära begann, die mehr durch wirtschaftliches Handeln als durch meisterliches Handwerk geprägt war. Immerhin blieb die gute Verarbeitung trotz laufend steigender Produktionszahlen einigermaßen erhalten. Ab ca. 1980 begann sich das Unternehmen C.F.MARTIN, mittlerweile in der sechsten Generation in Familienbesitz, an die alten Qualitäten zu erinnern und brachte Vintage-Serien heraus, die zum Verkaufsschlager wurden, allen voran die HD-28. Im neuen Jahrtausend folgten sogar noch Sonder-Modelle "golden era" (GE), mit traditionellen Fertigungsmethoden gebaut z.B. Heißleim. Doch die Originale bleiben unerreicht in ihrer Qualität und Ausstrahlung. – Meine jüngste MARTIN blieb deshalb lange Jahre eine MARTIN T-15 von 1950; was aussieht wie eine Bonsai-Dreadnought, ist keine Gitarre, sondern eine Tiple; die gehört zur Rubrik 'Sonstige Saiteninstrumente'. - Und dann kam doch noch eine jüngere dazu, eine C.F.MARTIN D-12-35 von 1968. Martin hatte erst 1966 mit der Produktion von 12-saitigen Gitarren begonnen, es gibt davon also keine Vorkriegs-Modelle. Diese D 12-35 punktet mit außerordentlich schönen Hölzern, sehr dekorativem Rio-Palisander, und feinem Klang. 1969 endete bei MARTIN nach 146 Jahren die Zeit des Rio-Palisanders im Interesse der bedrohten Tropenwälder.

Wenden wir uns jetzt den Nachkriegs-GIBSONs zu: Schon 1939 war, wie beschrieben, die "Super-Jumbo" vorgestellt worden, die alle gängigen Flattops mit ihren Ausmaßen in den Schatten stellte, selbst MARTINs Dreadnought. GIBSON hatte hier das (bereits früher gewachsene) Format der Archtop-Jazzgitarre L-5 für die Flattop übernommen (bei den Jazzgitarren war das Größen-Wachstum noch weiter gegangen), mit höheren Zargen kombiniert und einer aufwendigen, spektakulären Ausstattung versehen. Doch bis zum Krieg wurden nur wenige Exemplare gebaut, zum Beispiel meine GIBSON SJ-100 von 1940, eine etwas einfachere Ausführung des 200er-Modells, eine Klang-Bombe ohne Glitter. Ab 1947 kam die Serienfertigung des Spitzenmodells (mit einigen Modifikationen) erst richtig in Gang; hierzu die GIBSON SJ-200 (was soviel bedeutete wie: Super-Jumbo für $ 200,-). Dieses Exemplar von 1950 ist ein wunderschönes und klanglich herausragendes Instrument, das die amerikanische Gitarre in bester Weise repräsentiert. Fast alle Rock- und Western-Stars haben so eine gespielt, das war die beste Werbung! - Weil die Super-Jumbo für den Otto-Normal-Gitarrist aber selbst in den USA unerschwinglich, oder zu unhandlich war, wurde ab 1951 die GIBSON J-185 nachgereicht: Eine Nummer kleiner, eine Nummer einfacher, ein Drittel billiger (die J-200 war mittlerweile teurer geworden). Für manche Liebhaber gilt sie als die schönste und ausgewogenste GIBSON-Flattop überhaupt; da ist was dran! Trotzdem verkaufte sich dieses Modell damals eher schleppend, 1959 wurde Produktion eingestellt. Die Super-Jumbo (mittlerweile) als J-200 ist dagegen bis heute im Programm geblieben.

Während der Kriegsjahre war als Spar-Modell die LG-Serie GIBSON LG-2 aufgelegt worden, vgl. die GIBSON LG-2 von 1944. Die Form der LG ähnelt der klassischen Gitarre, hat allerdings den Halsansatz am 14. Bund und natürlich Stahlsaiten. - 1950 kam mit denselben Korpus-Maßen als erste GIBSON Flattop mit Cutaway die CF-100 auf den Markt. Sie gab es - ebenfalls erstmalig - optional auch mit Tonabnehmer (mittlerweile gab es elektrische Verstärker, das Korpus-Volumen von Gitarren war damit nicht mehr so wichtig für die Lautstärke, wurde sogar überflüssig! Bald darauf brachte GIBSON die legendäre Solidbody E-Gitarre LES PAUL auf den Markt) , die GIBSON CF-100 E.Das hatte es noch nicht gegeben, danach hatte freilich auch niemand gefragt – damals! Dementsprechend flau verlief der Absatz dieser innovativen Gitarre. Sie war 30 bis 40 Jahre zu früh dran; seit den 90-ger Jahren sind gerade Gitarren mit Cutaway und Tonabnehmer ein Renner! - Mitte der 60-ger Jahre geriet GIBSON zunehmend in Turbulenzen, was der (schon vorher abnehmenden) Qualität der Gitarren gar nicht gut tat – die besten Jahre waren vorbei. Nach Qualitäts- und Absatzproblemen sowie einem Eigentümerwechsel startete die Firma Gibson in den 70er Jahren eine Offensive zur Rückeroberung ihrer Marktstellung. Dafür wurde nicht gespart und mit Wissenschaftlern eine völlig neue Gitarren-Serie entwickelt, die mit großen Hoffnungen verbunden war: die MARK-Serie, hier vertreten durch die GIBSON MARK 81, Baujahr 1978. Vielleicht sollten damit die Geister des Lloyd Loar beschworen werden, der in den 20er Jahren mit seinen Entwicklungen nachhaltig zum Ruhm von Gibson beigetragen hatte? - Doch die MARK-Serie hielt nicht, was sie versprach und wurde ein Flop. Trotzdem steht sie für den Wendepunkt von GIBSONs Qualitätsoffensive: Schließlich besann man sich auf die alten Qualitäten und fand – ähnlich wie bei MARTIN – mit den alten Vorbildern nachempfundenen Reissue-Modellen zurück zu alten Tugenden. Derweil war auch im eigenen Land die Konkurrenz gewachsen, z.B. durch GUILD. Die bauten seit den 50-er Jahren sehr gute und auch innovative Instrumente, z.B. die GUILD F-50. Das war ebenfalls eine Gitarre im Super-Jumbo-Format; ich habe sie mittlerweile verkauft - auch das kommt vor!

Mit dem Niedergang der beiden großen amerikanischen Marken GIBSON und MARTIN, die zu Großserienherstellern gewachsen waren und unter den billigen Produkten aus Fernost (deren anfangs mäßige Qualität bald der Vergangenheit angehörte) litten, wuchsen wieder die Chancen für kleine Manufakturen, mit Nischen-Angeboten Fuß zu fassen. Einer von ihnen war Stuart L. MOSSMAN, der ab Mitte der 60-Jahre in Wisconsin hochwertige Dreadnoughts (vgl. die MARTIN D-Modelle) baute. Dabei experimentierte er viel herum mit der Deckenverbalkung und der Hals-Verbindung durch Schrauben, wie es später von TAYLOR übernommen worden ist. Die S.L.MOSSMAN CUSTOM von 1974 liefert dafür als Einzelstück mit unüblichen Details ein recht spektakuläres Beispiel mit hervorragenden Qualitäten. Ein verheerender Brand im Werk der noch kleinen Firma, samt Holzlager mit unersetzbaren Restbeständen von Rio-Palisander (MARTIN hatte - wie beschrieben - mangels Nachschub aufgrund des Schutzes des südamerikanischen Regenwalds schon 1969 auf ostindischen Palisander umgestellt) war ein schwerer Rückschlag, doch MOSSMAN gab nicht auf und schaffte dank guter Versicherungen und öffentlicher Hilfe den Neuanfang, wagte sogar die Expansion. Doch auch die weitere Firmengeschichte verlief wechselhaft, was sich auch in der Produktqualität niederschlug. Ein sehr schönes und gut klingendes (weil ausgewähltes) Geschwisterpaar sind die S.L.MOSSMAN TIMBER CREEK (1976), ein sehr ästhetisches Modell in neuwertigem Zustand, und die S.L.MOSSMAN FLINT HILLS (1977), die mich viele Jahre über viele Bühnen begleitete. Mit beiden verbindet mich eine lange und ebenfalls wechselhafte Geschichte…

Es gab und gibt viele solcher kleinen Hersteller in USA, da kann ich wirklich keinen repräsentativen Querschnitt bieten. Doch einen weiteren Spezialisten will ich noch vorstellen: Nick KUCKICH baute vor allem OM-Nachbauten (vgl. MARTIN OM-18) erster Güte – wie bei MOSSMAN wird hier wieder der prägende Einfluss der legendären MARTIN-Gitarren deutlich. Auf Bestellung wurde meine FRANKLIN OM-28 1979 von Nick in Sandpoint/ Idaho gebaut. Ich war in einem Flower-Power-Katalog von "The Guitars Friend" auf ihn gestoßen und holte die Gitarre persönlich bei ihm ab. Auch KUCKICH erlaubte sich - wie MOSSMAN - behutsame Modifikationen und Weiterentwicklungen des Originals, und das Ergebnis ist bis heute absolut überzeugend!

Nachdem im 19. Jahrhundert die europäische Gitarrenbaukunst mit den Emigranten und per Export nach USA getragen worden ist, so kamen die dortigen Weiterentwicklungen zur "Westerngitarre", der Steelstring-Flattop, Mitte 20. Jahrhundert stilbildend wieder zurück.

 

6. Zurück nach Europa

Mit der Stahlsaitengitarre hatten europäische Hersteller nach dem Weltkrieg ihre Produktpalette durch Nachbauten amerikanischer Modelle ergänzt, entsprechend der Musiktrends, die aus der Neuen Welt unsere Hit-Paraden eroberten. Ein Beispiel gibt dafür die FRAMUS HOOTENANNY 12-String mit ihrem Dreadnought-Design aus den 60-ger-Jahren. Andere Beispiele sind die bereits vorgestellten Archtops von ISANA und HÖFNER, doch die liefern nur Randnotizen meiner Sammlung. Ein Glanzlicht dagegen stellt die HENKES D-45 S dar, ein Nachbau von MARTINs Spitzen-Modell durch den deutschen Gitarrenbaumeister Wilhelm HENKES, Tübingen. Dies ist sein Meisterstück von 1998, ausgezeichnet mit dem Meisterpreis der bayerischen Staatsregierung 1999. Eine wahrlich prächtige Gitarre mit großartigem Klang. - Ein ganz andere besonderes Einzelstück stellt auch die Gitarre von LES BROWN, 1980 dar, einem fahrenden Straßenmusikanten, sympathischen Vagabunden und originellem Gelegenheits-Gitarrenbauer aus Schottland, der durch ganz Europa tingelte. Der baute mit einfachstem Werkzeug und umso geschickteren Händen ganz eigenwillige Instrumente. Von ihm dürfte es nur noch sehr wenige Gitarren geben, vermute ich; seit Jahren habe ich nichts mehr von ihm gehört. Nicht zuletzt Les BROWN hatte mich ermutigt, es einmal selbst mit dem Gitarrenbau zu versuchen, und daraus hat sich eine weitere Spielart meiner Gitarren-Leidenschaft entwickelt. Ein paar Beispiele: F.L.O. no. 1(1980), F.L.O cutaway (1986), F.L.O. ´Die Flüsternde`(1989), F.L.O. pickup (1990), F.L.O. ´new model`(1998), F.L.O. Palisander (2003), F.L.O. Zwetschge (2006), F.L.O. Birne (2008), F.L.O. Baritone (2010).

Doch gehen wir noch einmal in der Geschichte zurück ins ausgehende 19. Jahrhundert. Damals kamen die volkstümlichen Bewegungen der Naturfreunde und Wandervögel auf, und dadurch kam die Gitarre als volkstümliches Instrument auch in Deutschland in Mode: Einerseits in Form der Lautengitarre, d.h. mit birnenförmigem Korpus, von denen ich hier drei präsentieren kann CORONA Schuster, 1902, und zwei n.n.Lautengitarren, ca. 1920 + 1925; andererseits die bald weit verbreiteten Wandergitarren, von denen ich ebenfalls drei habe: n.n.Wandergitarre F.Stoppel ca. 1920, sowie zwei n.n.Wandergitarren Ch.Reisser ca. 1925. In Deutschland wurden solche Instrumente in großer Zahl in Markneukirchen gebaut, dem Ort, von dem C.F.MARTIN einst ausgezogen war, um mit seinen Gitarren die Welt zu erobern; man denke an die Dreadnought, das Schlachtschiff! Bis heute ist Markneukirchen ein Zentrum der Musikinstrumentenbauer geblieben Dort ist auch die (meines Wissens) einzige (Fach-) Hochschule für Gitarrenbau in Deutschland; ein Absolvent hat übrigens als Diplomarbeit meine MARTIN 0-26 von 1855 nachgebaut und eine Arbeit über die Zeit von C.F.MARTIN in Markneukirchen verfasst. – Die hier gezeigten Instrumente sind entsprechend ihrem Verwendungszweck und volkstümlichen Preisen relativ einfach, aber ordentlich gebaut (die eingeklebten Logos stammen vom jeweiligen Händler), recht zierlich, und klanglich wahrlich keine Offenbarungen. Zur Begleitung von Wanderliedern aus dem 'Zupfgeigenhansel' freilich waren sie gut und leicht genug, ohne das Marschgepäck unnötig zu erschweren.

Ebenfalls als Begleitinstrument, doch mehr für die Stubenmusik, war die Bass- oder Kontra-Gitarre im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts in Wien entstanden. Sie ist eher bekannt als Schrammelgitarre, benannt nach den Brüdern Johann und Josef SCHRAMMEL, die der Schrammelmusik ab 1878 den Namen gaben. J.G.SCHERZER gilt als einer der wichtigsten Baumeister dieser Spezies, die zusätzliche Bass-Saiten aufweist, meistens an einem zweiten Hals befestigt, der jedoch kein Griffbrett hat. Als ältestes Exponat habe ich hier die n.n.13-saitig, ca.1880, die vielleicht sogar J.G.SCHERZER zuzuordnen ist; eine Signatur läßt sich nicht finden. – Ausmaße und Gewicht dieser Instrumente laden keinesfalls zum Wandern ein! Im Bestreben nach einer möglichst guten Wiedergabe besonders der zusätzlichen tiefen Töne ließen sich die Gitarrenbauer immer wieder Neues einfallen: Ein sehr ungewöhnliches und spektakuläres Beispiel ist die RAAB, Hans (München 1902) Wappen-Bass-Gitarre. Eine solche zu bauen bedarf es schon beträchtlichen handwerklichen Geschicks! – Auch wurde (schon im 19. Jahrhundert) mit doppelten Ton-Decken experimentiert: Das zeigt die WINKLER, Wilhelm (1920) Doppel-Resonanz-Gitarre. – Mit einem ganz besonderen und (fast) einmaligen Stück will ich dieses Kapitel schließen: KOCHENDORFER, Paul (Stuttgart 1912), Patent PARET. Es gibt davon weltweit nur noch zwei weitere! Das Besondere sind hier nicht die zusätzlichen Bass-Saiten, sondern ein komplizierter, unterm Griffbrett eingebauter Schalt-Mechanismus mit verschiebbaren Bünden zur Erreichung der absoluten Bund-Reinheit – patentrechtlich geschützt! Unglaublich, was und wie der Herr PARET dies mathematisch und feinmechanisch ausgetüftelt hat. - Allerdings erfordert das Spielen dieser Spezial-Gitarre einiges Zusatz-Geschick - und vom Gitarrenbauer noch viel mehr!

 

7. Ergänzungen

Ganz puristisch ist meine Akustik-Gitarren-Sammlung nicht geblieben. Da gibt es Ausnahmen aus der Elektro-Sparte, nämlich eine ELEKTRO ARTIST Steelguitar (ca.1955) aus der ehemaligen DDR, eine HÖFNER PRESIDENT Thinline (ca.1960), und eine fast neuwertige ARIA Pro II Titan Artist (1980), mit der es eine ganz besondere Bewandtnis hat… (auf der Beziehungsebene!)

Damit hat die Führung durch GUITARS PARADISE zumindest vorläufig ein Ende! Wer allerdings die Inventar-Listen genauer studiert, der erkennt, dass es noch manch weitere Ergänzung gibt. Da sind unter anderen sehr originelle Musikinstrumente aus aller Welt zu finden, die wir von Reisen mitgebracht haben. Und auch noch ein paar Ziehharmonikas, die mir quasi zugeflogen sind... Ich danke jedenfalls für die Aufmerksamkeit, das Interesse, und die Geduld des Lesers, und ich freue mich über Rückmeldungen, Nachfragen und weiteres Interesse!

Euer Gitarren-Freak F.L.O.

 

 

8. Literaturangaben

C.F.MARTIN & CO., a History, Mike Longworth, 1987

C.F.MARTIN: His Guitars, 1796 - 1873, Philip F. Gura, 2003

The MARTIN Book, Walter Carter, 1995

MARTIN Guitars, Jim Washburn + Richard Johnston, 1997

GIBSON`s fabulous Flat-Top Guitars, Eldon Whizard, David Vinopol

+ Dan Erlewine, 1994 WASHBURN 100 Years... John Teagle, 1996

The LARSONS Creations, Robert C. Hartmanm 2007

ACOUSTIC GUITARS & other fretted instruments, George Gruhn + Walter Carter, 1993

GRUHN`s Guide to Vintage Guitars, George Gruhn + Walter Carter, 1999

Guitar Identification, A.R.Duchossoir, 1983

VINTAGE GITARREN und ihre Geschichten, Carlo May, 1994

Deutsches Museum München, Katalog Musikinstrumentensammlung, Bettina Wackernagel, 1997

Acoustic Guitars - The illustrated Encyclopedia, 2003

Faszination Gitarre, C. Restle + C. Li, Berlin 2010

Steel-String Guitar Construction, Irwing Sloane, 1975

Guitar Repair, Irwing Sloane, 1976

Scientific Guitar Construction, Donald Brosnac, 1978

Die Gitarre und ihr Bau, Franz Jahnel, 1977

Die Gitarre und ihre Meister, Fritz Buek, 1926